Beratung zu Versicherungen und Vorsorge

Fahrlässigkeit: Wann zahlt die Versicherung?

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann einen erheblichen Schaden verursachen: Eine Kerze bleibt unbeaufsichtigt, ein Wasserhahn wird nicht geschlossen oder beim Autofahren passiert ein Fehler. Dann stellt sich schnell die Frage: Zahlt die Versicherung auch, wenn ich selbst nicht sorgfältig genug war?

In vielen Fällen ja. Ob die Versicherung den Schaden vollständig übernimmt, hängt jedoch davon ab, welche Versicherung betroffen ist, wie der Schaden entstanden ist und welche Leistungen der Vertrag vorsieht. Besonders bei grober Fahrlässigkeit können die Unterschiede zwischen einzelnen Tarifen erheblich sein.

 

Was bedeutet Fahrlässigkeit für den Versicherungsschutz?

Nach § 276 Abs. 2 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) handelt fahrlässig, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht lässt. Bei einfacher Fahrlässigkeit liegt eine weniger schwerwiegende Unachtsamkeit vor. Grobe Fahrlässigkeit bedeutet dagegen, dass die erforderliche Sorgfalt in besonders schwerem Maße verletzt wurde.

Ob ein Fehler tatsächlich als grob fahrlässig einzustufen ist, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab. Eine ausführliche Erklärung der Unterschiede zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit, bewusster Fahrlässigkeit und Vorsatz finden Sie in unserem Beitrag „Einfache und grobe Fahrlässigkeit sowie Vorsatz unterscheiden“.

 

Wann darf die Versicherung wegen grober Fahrlässigkeit kürzen?

Für die Schadenversicherung enthält § 81 Versicherungsvertragsgesetz (VVG) eine wichtige Regelung. Führt der Versicherungsnehmer den Versicherungsfall grob fahrlässig herbei, darf der Versicherer seine Leistung grundsätzlich entsprechend der Schwere des Verschuldens kürzen. Eine feste Kürzungsquote gibt es nicht. Bei vorsätzlicher Herbeiführung des Versicherungsfalls ist der Versicherer nach § 81 Abs. 1 VVG grundsätzlich nicht zur Leistung verpflichtet.

Allerdings bedeutet grobe Fahrlässigkeit nicht automatisch, dass eine Versicherung weniger zahlt. Manche Versicherungsverträge enthalten günstigere Regelungen als das Gesetz und verzichten unter bestimmten Voraussetzungen auf eine Kürzung. Ob und in welchem Umfang das gilt, muss anhand der jeweiligen Versicherungsbedingungen geprüft werden. Wie solche Regelungen funktionieren, erläutern wir ausführlicher in unserem Blogartikel zum Versicherungsschutz bei Fahrlässigkeit.

 

Haftpflichtversicherung: Auch grobe Fahrlässigkeit ist grundsätzlich versichert

Bei einer Privathaftpflichtversicherung gehört die Absicherung fahrlässig verursachter Schäden zu den wesentlichen Aufgaben. Beschädigen Sie beispielsweise versehentlich fremdes Eigentum, prüft die Versicherung, ob Sie dafür haften müssen. Berechtigte Schadenersatzansprüche übernimmt sie im Rahmen des vereinbarten Versicherungsschutzes; unberechtigte Ansprüche wehrt sie ab.

Grundsätzlich sind auch grob fahrlässig verursachte Schäden versichert. Eine Kürzung allein wegen grober Fahrlässigkeit ist daher nicht mit der Situation in der Hausrat- oder Kaskoversicherung gleichzusetzen. Für vorsätzlich und widerrechtlich herbeigeführte Schäden besteht nach § 103 VVG hingegen kein Versicherungsschutz.

 

Kfz-Versicherung: Warum Haftpflicht und Kasko unterschiedlich reagieren

In der Kfz-Haftpflichtversicherung steht der Schutz geschädigter Dritter im Vordergrund. Verursacht ein Fahrer grob fahrlässig einen Unfall, verliert der Geschädigte deshalb nicht automatisch seinen Anspruch gegen den Versicherer. Unter bestimmten Voraussetzungen kann der Versicherer jedoch beim Versicherungsnehmer oder Fahrer Rückgriff nehmen, beispielsweise bei bestimmten Obliegenheitsverletzungen.

Die Kaskoversicherung schützt dagegen das eigene Fahrzeug gegen versicherte Schäden. Hier kann eine grob fahrlässige Schadenverursachung grundsätzlich zu einer Leistungskürzung führen. Viele Tarife sehen jedoch einen vollständigen oder eingeschränkten Verzicht auf den Einwand grober Fahrlässigkeit vor. Gerade bei Kaskoversicherungen lohnt es sich deshalb, die Bedingungen einschließlich möglicher Ausnahmen genau zu vergleichen.

 

Hausrat- und Wohngebäudeversicherung: Auf den Verzicht bei grober Fahrlässigkeit achten

Ein unbeaufsichtigtes Feuer oder ein anderes schwerwiegendes Versehen kann auch in der Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung Folgen haben. Wird ein versicherter Schaden grob fahrlässig verursacht, kann der Versicherer seine Leistung nach den gesetzlichen Regeln grundsätzlich kürzen.

Viele Versicherer bieten allerdings Tarife an, die auf den Einwand grober Fahrlässigkeit ganz oder teilweise verzichten. Dabei kommt es auf die genaue Formulierung an: Manche Regelungen gelten ohne besondere Entschädigungsgrenze, andere sind auf bestimmte Beträge begrenzt oder enthalten Ausnahmen. Ein solcher Verzicht bedeutet außerdem nicht, dass sämtliche vertraglichen Obliegenheiten entfallen. Weitere Informationen zu versicherten Gefahren, Leistungen und wichtigen Vertragsmerkmalen finden Sie in unserem Beitrag zur Hausratversicherung.

 

Fahrlässige Schadenverursachung und Obliegenheitsverletzung sind nicht dasselbe

Ein wichtiger Unterschied wird bei der Prüfung des Versicherungsschutzes häufig übersehen: Es ist nicht dasselbe, ob jemand einen Schaden grob fahrlässig verursacht oder eine vertragliche Obliegenheit verletzt. Solche Obliegenheiten können beispielsweise Sicherheitsvorschriften oder Mitwirkungspflichten bei der Schadenaufklärung betreffen.

Für vertragliche Obliegenheitsverletzungen gelten insbesondere die Voraussetzungen des § 28 VVG. Dabei können der Verschuldensgrad und die Frage, ob die Pflichtverletzung für den Versicherungsfall oder die Feststellung der Leistungspflicht ursächlich war, entscheidend sein. Ein vertraglicher Verzicht auf Kürzungen wegen grob fahrlässiger Schadenverursachung erfasst nicht automatisch auch Obliegenheitsverletzungen.

 

Worauf sollten Sie beim Vergleich von Versicherungsverträgen achten?

Ein günstiger Beitrag allein sagt wenig darüber aus, wie gut ein Tarif bei einem grob fahrlässig verursachten Schaden schützt. Besonders bei Hausrat-, Wohngebäude- und Kaskoversicherungen sollten Sie auf folgende Punkte achten:

  • Verzichtet der Versicherer auf Leistungskürzungen wegen grob fahrlässiger Herbeiführung des Versicherungsfalls?
  • Gilt der Verzicht für die gesamte versicherte Schadenhöhe oder nur bis zu einer bestimmten Grenze?
  • Welche Ausnahmen sieht der Vertrag vor, etwa bei bestimmten Verhaltensweisen oder Schadenursachen?
  • Welche Sicherheitsvorschriften und sonstigen Obliegenheiten müssen weiterhin beachtet werden?

Zwei Tarife können ähnliche Leistungen versprechen und sich dennoch erheblich darin unterscheiden, wie sie grobe Fahrlässigkeit behandeln. Deshalb gehört diese Regelung zu einem sorgfältigen Versicherungsvergleich.

 

Was tun, wenn die Versicherung wegen grober Fahrlässigkeit nicht vollständig zahlt?

Kürzt der Versicherer seine Leistung oder lehnt er den Schaden ab, sollten Sie sich zunächst die konkrete Begründung geben lassen. Wichtig ist, ob sich die Entscheidung auf eine grob fahrlässige Schadenverursachung, eine Obliegenheitsverletzung oder einen anderen Ausschluss stützt. Prüfen Sie anschließend, welche Regelung tatsächlich in Ihrem Versicherungsvertrag steht.

Bewahren Sie Fotos, Schriftverkehr, Schadenunterlagen und andere Nachweise auf. Wenn Sie die Entscheidung für unberechtigt halten, können Sie beim Versicherer eine erneute Prüfung verlangen. Bei rechtlich schwierigen Fällen oder größeren Schäden kann anwaltliche Unterstützung sinnvoll sein.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Beschwerde beim Versicherungsombudsmann, sofern das Versicherungsunternehmen am Verfahren teilnimmt. Das Verfahren ist für Verbraucher grundsätzlich kostenfrei. Bei Beschwerden gegen Versicherungsunternehmen sind Entscheidungen bis zu einem Beschwerdewert von 10.000 Euro für das Unternehmen verbindlich. Bei höheren Beschwerdewerten bis 100.000 Euro kann die Ombudsstelle Empfehlungen aussprechen.

 

Fazit: Nicht jede Fahrlässigkeit gefährdet den Versicherungsschutz

Fahrlässiges Verhalten bedeutet nicht automatisch, dass eine Versicherung die Leistung verweigern darf. In der Haftpflichtversicherung ist grundsätzlich auch grobe Fahrlässigkeit versichert. In der Kasko-, Hausrat- und Wohngebäudeversicherung kommt es dagegen besonders darauf an, ob und in welchem Umfang der Vertrag auf Leistungskürzungen wegen grober Fahrlässigkeit verzichtet.

Wer Versicherungen vergleicht, sollte deshalb nicht nur auf Beitrag und Versicherungssumme achten. Entscheidend ist auch, wie der Tarif bei einem selbst verursachten Schaden schützt und welche vertraglichen Pflichten weiterhin gelten.