Unter Einkommenssicherung verstehen wir Maßnahmen und Produkte, die dazu dienen, unser Einkommen gegen die Risiken des Lebens zu schützen. Dazu gehören Versicherungen gegen Arbeitsunfähigkeit, schwere Krankheiten, Unfälle und auch die Vorsorge für den Fall einer Erwerbsminderung. Ziel ist es, den Lebensstandard im Falle eines unvorhergesehenen Einkommensverlustes aufrechterhalten zu können.
Erwerbsminderungsrente - Der staatliche Schutzschild
Die Erwerbsminderungsrente ist eine Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung und bildet das Fundament der staatlichen Einkommenssicherung bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit. Sie wird gewährt, wenn die Erwerbsfähigkeit auf weniger als drei Stunden täglich (volle Erwerbsminderungsrente) oder zwischen drei und sechs Stunden täglich (halbe Erwerbsminderungsrente) reduziert ist. Für den Anspruch müssen Versicherte mindestens fünf Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge geleistet haben. Die medizinischen Voraussetzungen werden durch den Medizinischen Dienst der Deutschen Rentenversicherung geprüft. Dabei steht nicht die Ausübung des zuletzt ausgeübten Berufs im Vordergrund, sondern die generelle Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Diese abstrakte Verweisung führt häufig zu Ablehnungen, da theoretisch noch eine Tätigkeit in anderen Bereichen möglich sein könnte, auch wenn diese nicht der Qualifikation oder dem bisherigen Einkommen entspricht.
Berechnung und Höhe der Erwerbsminderungsrente
Die Höhe der Erwerbsminderungsrente basiert auf den bis zum Eintritt der Erwerbsminderung erworbenen Entgeltpunkten, ergänzt um eine Zurechnungszeit bis zum 67. Lebensjahr. Trotz dieser Zurechnungszeit erreicht die Rente selten mehr als 30-40% des letzten Bruttoeinkommens.
Warum reicht die Erwerbsminderungsrente nicht aus?
- Niedrige Rentenhöhe
Viele Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, wie gering die Erwerbsminderungsrente tatsächlich ausfällt. Oftmals reicht sie nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard zu halten, geschweige denn unvorhergesehene Ausgaben zu decken. - Strenge Bedingungen
Die Kriterien, um eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten, sind streng. Nicht jede gesundheitliche Einschränkung führt automatisch zu einer Bewilligung. Viele Anträge werden im ersten Schritt abgelehnt, und ein langwieriger Widerspruchsprozess beginnt. - Versorgungslücken
Selbst wenn man Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente hat, deckt diese meist nur einen Bruchteil des letzten Nettoeinkommens. Besonders junge Menschen, die noch nicht lange in die Rentenversicherung eingezahlt haben, stehen vor einer erheblichen Versorgungslücke.
Identifizierung der Versorgungslücken
- Die Einkommenslücke bei Erwerbsminderung
Die größte Herausforderung bei der Einkommenssicherung liegt in der erheblichen Differenz zwischen dem gewohnten Nettoeinkommen und der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente. Diese Lücke entsteht nicht nur durch die niedrige Rentenhöhe, sondern auch durch wegfallende Arbeitgeberzuschüsse zur Krankenversicherung, fehlende betriebliche Zusatzleistungen und den Verlust von Karriere- und Einkommensperspektiven. Besonders betroffen sind Berufsanfänger und Selbstständige, die noch keine ausreichenden Rentenansprüche erworben haben oder gar nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. - Zeitliche Lücken und Wartezeiten
Ein weiteres kritisches Problem stellt die zeitliche Komponente dar. Zwischen dem Eintritt der Erwerbsminderung und der ersten Rentenzahlung können Monate vergehen. In dieser Zeit muss der Lebensunterhalt durch Krankengeld, Arbeitslosengeld oder private Mittel finanziert werden. Das Krankengeld der gesetzlichen Krankenversicherung beträgt maximal 78 Wochen und liegt bei etwa 70% des Bruttoeinkommens, maximal jedoch bei der Beitragsbemessungsgrenze. Nach Ablauf des Krankengeldes entsteht oft eine mehrmonatige Lücke bis zur Bewilligung der Erwerbsminderungsrente. In dieser Phase sind Betroffene auf Arbeitslosengeld I oder im schlimmsten Fall auf Bürgergeld angewiesen, was zu einer drastischen Einkommensreduzierung führt.
Individuelle Vorsorgestrategien
Um sich und Ihre Familie umfassend zu schützen, sind zusätzliche private Vorsorgemaßnahmen unerlässlich. Folgend möchten wir Ihnen einige der wichtigsten Instrumente zur Einkommenssicherung vorstellen:
Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) als Kernbaustein
Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist ein zentraler Bestandteil der privaten Absicherung und zahlt eine Rente, wenn man den eigenen Beruf zu mindestens 50% nicht mehr ausüben kann. Im Gegensatz zur gesetzlichen Erwerbsminderungsrente bezieht sie sich auf den konkreten Beruf. Moderne BU-Tarife bieten zusätzliche Leistungen wie Inflationsanpassung, Nachversicherungsgarantien ohne Gesundheitsprüfung und Wiedereingliederungshilfen. Vorteile sind die berufsspezifische Absicherung und die Leistung bei 50% Berufsunfähigkeit unabhängig von der Ursache. Nachteile sind hohe Beiträge, strenge Gesundheitsprüfungen und erschwerte Bedingungen für Vorerkrankungen. Insbesondere bei psychischen Erkrankungen kann der Leistungsnachweis kompliziert sein.
Erwerbsunfähigkeitsversicherung als BU-Alternative
Für Personen, die keine Berufsunfähigkeitsversicherung erhalten oder sich diese nicht leisten können, stellt die Erwerbsunfähigkeitsversicherung eine sinnvolle Alternative dar. Sie orientiert sich an den Kriterien der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente und zahlt, wenn eine Erwerbstätigkeit von mehr als drei Stunden täglich dauerhaft nicht mehr möglich ist. Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist deutlich günstiger als eine BU-Versicherung, bietet aber auch einen geringeren Schutz. Sie eignet sich besonders für Personen in körperlich anspruchsvollen Berufen oder mit Vorerkrankungen, die bei einer BU-Versicherung hohe Risikozuschläge zahlen müssten oder ganz abgelehnt würden.
Dienstunfähigkeitsversicherung für Beamte
Beamte erhalten bei Dienstunfähigkeit keine gesetzliche Erwerbsminderungsrente, sondern Versorgungsbezüge, die anhand der Besoldungsgruppe und Dienstjahre berechnet werden. Bei Dienstunfähigkeit vor dem 62. Lebensjahr gibt es eine Kürzung von bis zu 10,8 Prozent. Zulagen und Sonderzahlungen entfallen, was zu einer Versorgungslücke von 30 bis 50 Prozent des Nettogehalts führen kann. Die Dienstunfähigkeitsversicherung deckt diese spezifische Lücke ab und ist an beamtenrechtliche Bestimmungen angepasst. Sie ist oft günstiger als eine Berufsunfähigkeitsversicherung, da die Risiken für Beamte statistisch geringer sind und die Gesundheitsprüfung weniger streng ausfällt. Die Leistungsvoraussetzungen sind beamtenspezifisch und können vorteilhafter als die 50-Prozent-Regelung der Berufsunfähigkeitsversicherung sein.
Grundfähigkeitsversicherung als modularer Schutz
Die Grundfähigkeitsversicherung bietet eine monatliche Rente bei Verlust bestimmter körperlicher oder geistiger Fähigkeiten, wie Sehen, Hören, Sprechen und Bewegungsfähigkeit. Sie ist objektiv feststellbar und kann Streitigkeiten bei der Leistungsprüfung reduzieren. Allerdings sind psychische Erkrankungen, wenn sie nicht zu einem messbaren Verlust von Grundfähigkeiten führen, nicht abgedeckt. Die Versicherung kann als Ergänzung zur Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) dienen oder als Alternative, wenn keine BU möglich ist, besonders für körperlich Arbeitende. Sie sollte jedoch nicht allein genutzt werden, da sie nicht alle Ursachen der Arbeitsunfähigkeit abdeckt. In Kombination mit anderen Versicherungen kann sie eine sinnvolle Ergänzung sein.
Dread-Disease-Versicherung
Die Dread-Disease-Versicherung zahlt eine Einmalleistung bei Diagnose schwerer Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Sie kann als Ergänzung zur Einkommenssicherung dienen, um zusätzliche Kosten für Behandlung und Rehabilitation zu decken. Der Vorteil liegt in der sofortigen Leistung bei Diagnose, unabhängig von den Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Dies ermöglicht eine optimale medizinische Versorgung und kann die Heilungschancen verbessern.
Biometrische Multi-Risk-Versicherungen
Biometrische Multi-Risk-Versicherungen kombinieren verschiedene Risiken in einem Vertrag und decken neben Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit auch Risiken wie schwere Krankheiten, Pflegebedürftigkeit oder Arbeitslosigkeit ab. Sie bieten eine kostengünstige Möglichkeit, mehrere biometrische Risiken gleichzeitig abzusichern. Der Vorteil liegt in der flexiblen Gestaltung und den oft günstigeren Gesamtbeiträgen im Vergleich zu Einzelversicherungen. Allerdings sind die Leistungen pro Risiko meist geringer als bei spezialisierten Einzelversicherungen, und die Bedingungen können komplexer sein.
Private Unfallversicherung zur Ergänzung
Die private Unfallversicherung ergänzt die Einkommenssicherung bei unfallbedingten Beeinträchtigungen und zahlt bei dauerhaften körperlichen oder geistigen Schäden infolge eines Unfalls. Sie leistet unabhängig von der Berufstätigkeit und kann auch bei geringeren Invaliditätsgraden Leistungen erbringen. Moderne Unfallversicherungen bieten neben der Grundleistung oft zusätzliche Bausteine wie Unfallrente, Krankenhaustagegeld oder Rehabilitationsleistungen. Für eine optimale Einkommenssicherung sollte die Versicherungssumme mindestens das Fünf- bis Zehnfache des Jahresbruttoeinkommens betragen.
Risikolebensversicherung für Hinterbliebene
Obwohl die Risikolebensversicherung nicht direkt der Einkommenssicherung des Versicherten dient, ist sie ein wichtiger Baustein zum Schutz der Familie. Sie sichert das Einkommen der Hinterbliebenen ab und kann Kredite tilgen oder den Lebensunterhalt der Familie für mehrere Jahre gewährleisten. Die Versicherungssumme sollte etwa das Fünf- bis Zehnfache des Jahresnettoeinkommens betragen oder sich an konkreten Verpflichtungen wie Immobilienkrediten orientieren. Fallende Versicherungssummen können die Beiträge reduzieren, wenn sich die Absicherungsnotwendigkeit im Laufe der Zeit verringert.
Krankentagegeld zur Überbrückung
Das Krankentagegeld der privaten Krankenversicherung oder als Zusatzversicherung schließt die Lücke zwischen dem Ende der Entgeltfortzahlung nach sechs Wochen und dem Beginn des gesetzlichen Krankengeldes. Es kann auch das gesetzliche Krankengeld auf das gewünschte Niveau aufstocken. Für Selbstständige ist das private Krankentagegeld besonders wichtig, da sie keinen Anspruch auf gesetzliches Krankengeld haben. Die Wartezeit sollte möglichst kurz gewählt werden (ab dem 15. oder 43. Tag), und die Leistungsdauer sollte mindestens zwei Jahre betragen.
Strategische Vorsorgeplanung und Optimierung
Die optimale Einkommenssicherung erfordert eine individuelle Herangehensweise.
Bedarfsanalyse und individuelle Lösungen
- Eine effektive Vorsorgestrategie beginnt mit einer gründlichen Bedarfsanalyse. Dabei werden das aktuelle Einkommen, bestehende Absicherungen, familiäre Verpflichtungen und berufliche Risiken systematisch erfasst und bewertet.
- Die Versorgungslücke errechnet sich aus der Differenz zwischen dem benötigten Einkommen im Leistungsfall und den vorhandenen Absicherungen. Dabei sollten auch Inflation und steigende Lebenshaltungskosten berücksichtigt werden.
- Basierend auf dieser Analyse wird eine individuelle Kombination verschiedener Versicherungsbausteine entwickelt. Dabei stehen Kosten-Nutzen-Verhältnis, Flexibilität und langfristige Planbarkeit im Vordergrund.
Optimierung durch Kombination verschiedener Bausteine
Die Kombination verschiedener Versicherungsbausteine kann sowohl die Kosten reduzieren als auch die Absicherungsqualität verbessern.
- Eine mögliche Strategie kombiniert eine Grundabsicherung durch eine EU-Versicherung mit einer ergänzenden BU-Versicherung für berufsspezifische Risiken.
- Für jüngere Menschen kann ein gestufter Aufbau sinnvoll sein:
- Beginn mit einer kostengünstigen Grundabsicherung und schrittweise Erweiterung bei steigendem Einkommen. Nachversicherungsgarantien ermöglichen dabei eine Anpassung ohne erneute Gesundheitsprüfung.
- Die regelmäßige Überprüfung und Anpassung der Vorsorgestrategie ist essentiell. Veränderungen in Beruf, Familie oder Gesundheit können Anpassungen erforderlich machen.
Kostenoptimierung und Budgetplanung
Die Gesamtkosten für eine umfassende Einkommenssicherung sollten etwa 5-10% des Bruttoeinkommens nicht überschreiten. Durch geschickte Kombination verschiedener Produkte und Anbieter lassen sich oft Synergieeffekte nutzen. Gruppentarife über den Arbeitgeber oder Verbände können erhebliche Kostenvorteile bieten. Eine regelmäßige Überprüfung der Verträge ist essentiell, da sich sowohl die Lebenssituation als auch die Marktbedingungen ändern können. Neue Produkte oder verbesserte Bedingungen können eine Vertragsanpassung oder einen Wechsel sinnvoll machen.
Fazit und Handlungsempfehlungen
Die Einkommenssicherung bei Erwerbsminderung erfordert eine durchdachte private Vorsorgestrategie, da die gesetzliche Erwerbsminderungsrente erhebliche Versorgungslücken aufweist. Mit einer durchschnittlichen Rentenhöhe von nur 906 Euro monatlich kann sie den gewohnten Lebensstandard nicht aufrechterhalten. Die Berufsunfähigkeitsversicherung bleibt der wichtigste Baustein der privaten Vorsorge, da sie bereits bei 50-prozentiger Beeinträchtigung der Berufsfähigkeit leistet. Für Personen, die keine BU-Versicherung erhalten, bieten Erwerbsunfähigkeits-, Grundfähigkeits- oder Multi-Risk-Versicherungen alternative Absicherungsmöglichkeiten.
Eine optimale Vorsorgestrategie kombiniert verschiedene Bausteine entsprechend der individuellen Risikosituation und finanziellen Möglichkeiten. Dabei sollten auch Beamte mit einer Dienstunfähigkeitsversicherung und alle Berufstätigen mit einer Risikolebensversicherung ihre spezifischen Risiken absichern. Die frühzeitige und umfassende Absicherung der Arbeitskraft ist eine der wichtigsten Investitionen in die finanzielle Zukunft. Angesichts der demografischen Entwicklung und steigenden Erwerbsminderungsrisiken wird eine solide private Vorsorge immer unverzichtbarer für die Aufrechterhaltung des Lebensstandards im Ernstfall.

