Personenversicherungen

Private Erwerbsunfähigkeitsversicherung: Definition und rechtliche Grundlagen

Die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung stellt eine wichtige Säule der Arbeitskraftabsicherung dar, die oft übersehen wird. Während die meisten Verbraucher mit der Berufsunfähigkeitsversicherung vertraut sind, bietet die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung einen anderen, aber ebenso wertvollen Schutz vor den finanziellen Folgen des Arbeitskraftverlustes.

 

Was ist eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung?

Eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist eine Versicherung, die eine monatliche Rente zahlt, wenn der Versicherte aufgrund von Krankheit oder Unfall dauerhaft nicht mehr in der Lage ist, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der Begriff "Erwerbsunfähigkeit" ist dabei klar definiert: Es liegt vor, wenn die Erwerbsfähigkeit auf weniger als drei Stunden täglich gesunken ist.

Rechtliche Einordnung und Grundlagen

Die rechtlichen Grundlagen für die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung finden sich im Versicherungsvertragsgesetz (VVG) sowie in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) der jeweiligen Versicherungsunternehmen. Im Gegensatz zur gesetzlichen Erwerbsminderungsrente, die nach dem Sozialgesetzbuch VI (SGB VI) geregelt ist, handelt es sich bei der privaten Variante um eine Schadenversicherung.

Abgrenzung zur gesetzlichen Erwerbsminderungsrente

Die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung ergänzt die gesetzliche Erwerbsminderungsrente, ersetzt sie aber nicht. Während die gesetzliche Rente bereits bei einer Erwerbsfähigkeit von weniger als sechs Stunden täglich (teilweise Erwerbsminderung) oder drei Stunden täglich (volle Erwerbsminderung) greift, orientiert sich die private Versicherung meist an der Definition der vollen Erwerbsminderung.

 

Versicherungsschutz im Detail

Der Versicherungsschutz einer privaten Erwerbsunfähigkeitsversicherung umfasst in der Regel eine monatliche Rente, die bis zum vereinbarten Endalter (meist 65 oder 67 Jahre) gezahlt wird. Die Rentenhöhe wird bei Vertragsabschluss festgelegt und kann je nach Tarif zwischen 500 und 3.000 Euro monatlich betragen.

Für den Leistungsfall müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
  1. Vollständige Erwerbsunfähigkeit: Die versicherte Person kann keine Erwerbstätigkeit mehr ausüben, die wirtschaftlich verwertbar ist. Dies bedeutet konkret, dass sie weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann.
  2. Dauerhaftigkeit: Die Erwerbsunfähigkeit muss voraussichtlich mindestens sechs Monate andauern. Viele Versicherer verlangen eine Prognose von mindestens drei Jahren.
  3. Ursächlichkeit: Die Erwerbsunfähigkeit muss durch Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfall eingetreten sein. Unfälle sind grundsätzlich mitversichert.
  4. Verweisung: Anders als bei der Berufsunfähigkeitsversicherung kann der Versicherer auf jede zumutbare Tätigkeit verweisen, die der versicherten Person noch möglich ist.

Zusätzliche Leistungen können umfassen:

  • Beitragsbefreiung bei Erwerbsunfähigkeit
  • Dynamik zur Anpassung an die Inflation
  • Kapitalabfindung anstelle der Rente
  • Rehabilitation und Wiedereingliederungsmaßnahmen

Wartezeiten und Karenzzeiten

Die meisten Tarife sehen eine Wartezeit von drei Jahren vor, während der keine Leistungen bei psychischen Erkrankungen erbracht werden. Bei Unfällen entfällt die Wartezeit meist vollständig. Eine Karenzzeit von sechs bis zwölf Monaten ist ebenfalls üblich – erst nach Ablauf dieser Frist beginnt die Rentenzahlung.

Gesundheitsprüfung und Risikoeinschätzung

Vor Vertragsabschluss ist eine umfassende Gesundheitsprüfung erforderlich. Diese umfasst einen detaillierten Fragebogen zu Vorerkrankungen, aktuellen Beschwerden und Lebensgewohnheiten. Je nach Risikoeinschätzung können Risikozuschläge erhoben oder bestimmte Erkrankungen ausgeschlossen werden.

Zielgruppe der privaten Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung richtet sich hauptsächlich an:

Personen mit erhöhtem Berufsrisiko:
  • Handwerker, Bauarbeiter, Pflegekräfte
  • Personen, die keine bezahlbare BU-Versicherung erhalten
  • Selbstständige mit begrenztem Budget für Vorsorge
Personen mit Vorerkrankungen:
  • Bei psychischen Vorerkrankungen oft einfacher zu erhalten als BU
  • Günstigere Alternative bei Risikozuschlägen in der BU-Versicherung
Berufseinsteiger und Studenten:
  • Als Einstiegsversicherung bis zur späteren BU-Absicherung
  • Für Personen mit noch unklarem Berufsbild

Wann ist die Erwerbsunfähigkeitsversicherung sinnvoll?

Eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist besonders sinnvoll, wenn:

  • Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu teuer oder nicht erhältlich ist
  • Das Einkommen hauptsächlich aus körperlicher Arbeit stammt
  • Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente nicht ausreicht
  • Eine Grundabsicherung gewünscht ist, die später erweitert werden kann

Grenzen und Nachteile

Wichtige Einschränkungen sind:
  • Sehr hohe Hürden für den Leistungsfall
  • Verweisung auf andere Tätigkeiten möglich
  • Keine Absicherung bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit
  • Geringere Leistungswahrscheinlichkeit als bei BU-Versicherung

 

Abgrenzung zur Berufsunfähigkeitsversicherung

Der fundamentale Unterschied zwischen privater Erwerbsunfähigkeitsversicherung und Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) liegt in der Definition des Leistungsfalls:

  • Berufsunfähigkeitsversicherung:
    • Leistet bereits bei 50-prozentiger Beeinträchtigung im zuletzt ausgeübten Beruf
    • Abstrakte Verweisung auf andere Berufe meist ausgeschlossen
    • Höhere Beiträge, aber umfassenderer Schutz
  • Private Erwerbsunfähigkeitsversicherung:
    • Leistet erst bei vollständiger Erwerbsunfähigkeit (unter 3 Stunden täglich)
    • Konkrete Verweisung auf jede Erwerbstätigkeit möglich
    • Niedrigere Beiträge, aber restriktivere Leistungsvoraussetzungen

Beitragshöhe und Kosten-Nutzen-Verhältnis

Die Beiträge für eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung sind deutlich günstiger als für eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Ein 30-jähriger Büroangestellter zahlt für eine Erwerbsunfähigkeitsrente von 1.000 Euro monatlich etwa 20-40 Euro Beitrag, während eine vergleichbare BU-Rente 80-150 Euro kosten würde.

Kombinationsmöglichkeiten

Einige Versicherer bieten Kombinations-Tarife an, die sowohl Berufs- als auch Erwerbsunfähigkeit absichern. Diese Hybridlösungen können eine sinnvolle Alternative darstellen, wenn das Budget für eine vollwertige Berufsunfähigkeitsversicherung nicht ausreicht.

 

Alternativen zur privaten Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Die Suche nach geeigneten Alternativen zur privaten Erwerbsunfähigkeitsversicherung beschäftigt immer mehr Verbraucher, die eine umfassende Absicherung ihrer Arbeitskraft wünschen. 

Berufsunfähigkeitsversicherung

Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist eine wichtige Alternative zur Erwerbsunfähigkeitsversicherung, die Schutz bietet, wenn man seinen Beruf nicht mehr zu mindestens 50% ausüben kann. Sie ist besonders für Fachkräfte und Akademiker relevant, um den Lebensstandard bei Berufseinschränkungen zu erhalten. Vorteile sind der Schutz bei teilweiser Berufsunfähigkeit, Berücksichtigung des konkreten Berufsbilds und flexible Tarifgestaltung. Nachteile sind die strenge Gesundheitsprüfung und die abhängigkeit der Beitragshöhe von der Berufsgruppe.

Grundfähigkeitsversicherung

Die Grundfähigkeitsversicherung ist eine innovative Form der Absicherung, die bei Verlust von wichtigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten wie Sehen, Hören, Sprechen und Gehen leistet. Sie ist vor allem für Personen geeignet, die aufgrund ihres Berufs oder Gesundheitszustandes Probleme beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung haben. Die Leistungsprüfung basiert auf objektiven medizinischen Kriterien, was Streitigkeiten minimiert. Die Versicherung zahlt bereits bei Verlust einer einzigen Fähigkeit. Sie ist besonders bei Berufseinsteigern und Personen mit Vorerkrankungen beliebt, da die Gesundheitsprüfung weniger streng ist.

Dread-Disease-Versicherung

Die Dread-Disease-Versicherung bietet Schutz bei schweren Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt durch einmalige oder monatliche Zahlungen. Sie leistet sofort nach Diagnose und hat moderne Tarife, die bis zu 50 Krankheiten abdecken. Sie dient als Ergänzung zu anderen Versicherungen, indem sie spezifische Risiken abdeckt.

Multi-Risk-Versicherung

Die Multi-Risk-Versicherung ist eine neue Form der Arbeitskraftabsicherung, die verschiedene Versicherungsmodule wie Berufsunfähigkeit, Grundfähigkeiten, Dread-Disease, Unfallrente, Pflege und Arbeitslosigkeit in einem Vertrag kombiniert. Sie ermöglicht individuelle Anpassungen an das persönliche Risikoprofil und Budget. Die Versicherung bietet den Vorteil einer einheitlichen Verwaltung und kann günstigere Beiträge als separate Einzelversicherungen bieten. 

 

Fazit

Die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung stellt eine wichtige, wenn auch nicht optimale Form der Arbeitskraftabsicherung dar. Sie eignet sich besonders für Personen, die aufgrund ihres Berufs, ihrer Gesundheit oder ihres Budgets keine bezahlbare Berufsunfähigkeitsversicherung erhalten können. Die sehr restriktiven Leistungsvoraussetzungen – vollständige Erwerbsunfähigkeit mit weniger als drei Stunden täglicher Arbeitsfähigkeit – bedeuten, dass die Versicherung nur in schweren Fällen leistet. Dennoch bietet sie eine wichtige Grundabsicherung, die die oft unzureichende gesetzliche Erwerbsminderungsrente ergänzt. 

Für die meisten Arbeitnehmer bleibt die Berufsunfähigkeitsversicherung die bessere Wahl, da sie bereits bei 50-prozentiger Beeinträchtigung im Beruf leistet und damit eine deutlich höhere Leistungswahrscheinlichkeit bietet. Die private Erwerbsunfähigkeitsversicherung sollte daher primär als Übergangslösung oder als Ergänzung zu anderen Absicherungsformen betrachtet werden.

Eine professionelle Beratung ist in jedem Fall empfehlenswert, um die individuell beste Lösung für die Arbeitskraftabsicherung zu finden. Dabei sollten alle verfügbaren Alternativen – von der klassischen BU über Grundfähigkeitsversicherungen bis hin zu Multi-Risk-Konzepten – geprüft und verglichen werden.

Die Entscheidung für oder gegen eine private Erwerbsunfähigkeitsversicherung sollte nie isoliert getroffen werden, sondern immer im Kontext einer umfassenden Risikoanalyse und Vorsorgeplanung stehen.

Vorsorge mit privater Erwerbsunfähigkeitsversicherung