FAQ – häufige Fragen zu Versicherungen und Vorsorge

kulturelle Risikotheorie

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kulturelle Risikotheorie

Die kulturelle Risikotheorie beschäftigt sich mit der Frage, warum Menschen und gesellschaftliche Gruppen Gefahren unterschiedlich wahrnehmen und bewerten. Der von Mary Douglas und Aaron Wildavsky insbesondere durch ihr 1982 veröffentlichtes Werk „Risk and Culture“ geprägte Ansatz geht davon aus, dass nicht nur persönliche Erfahrungen und statistische Wahrscheinlichkeiten, sondern auch gesellschaftliche Werte, soziale Bindungen und Vorstellungen über Verantwortung die Risikowahrnehmung beeinflussen. Für Versicherungen ist die Theorie vor allem deshalb interessant, weil Menschen trotz vergleichbarer Lebenssituationen einen unterschiedlichen Absicherungsbedarf empfinden können.

Wie funktioniert die kulturelle Risikotheorie?

Ein wichtiger Bestandteil ist das sogenannte Grid-Group-Modell. Es unterscheidet zwei Dimensionen: „Grid“ beschreibt, wie stark das Zusammenleben durch soziale Regeln und vorgegebene Rollen geprägt ist. „Group“ bezeichnet, wie eng Menschen in soziale Gruppen eingebunden sind. Aus der Kombination dieser Dimensionen werden vier idealtypische kulturelle Orientierungen abgeleitet:

  • Hierarchistische Orientierung: Institutionen, feste Regeln und anerkannte Zuständigkeiten spielen eine wichtige Rolle. Bei der Bewertung von Gefahren kann das Vertrauen in staatliche Stellen oder Fachleute besonders bedeutsam sein.
  • Individualistische Orientierung: Persönliche Entscheidungsfreiheit, Eigenverantwortung und individuelle Handlungsmöglichkeiten stehen im Vordergrund.
  • Egalitäre Orientierung: Gleichheit, gemeinschaftliche Verantwortung und gesellschaftliche Auswirkungen von Risiken erhalten besonderes Gewicht.
  • Fatalistische Orientierung: Menschen erleben ihre Einflussmöglichkeiten als begrenzt und können Gefahren deshalb eher als schwer kontrollierbar wahrnehmen.

Diese Einteilung beschreibt theoretische Orientierungsmuster und keine festen Persönlichkeitstypen. Einzelne Menschen lassen sich nicht ohne Weiteres einer Gruppe zuordnen. Zudem können ihre Einstellungen je nach Lebenssituation und betrachteter Gefahr unterschiedlich ausfallen.

Welche Bedeutung hat die Theorie für Versicherungen?

Bei Versicherungsentscheidungen geht es nicht allein darum, wie wahrscheinlich ein Schaden statistisch ist. Ebenso wichtig ist, wie schwerwiegend Menschen seine möglichen Folgen einschätzen und welche Möglichkeiten sie sehen, sich davor zu schützen. So können zwei Haushalte mit ähnlichem Einkommen und vergleichbarem Eigentum unterschiedlich über eine zusätzliche Absicherung gegen Naturgefahren denken.

Die kulturelle Risikotheorie bietet einen Ansatz, solche Unterschiede besser zu verstehen. Beispielsweise kann die Frage, ob der Einzelne, eine Versicherungsgemeinschaft oder der Staat für bestimmte Schäden verantwortlich sein sollte, die Einstellung zu Versicherungsschutz beeinflussen. Daraus folgt jedoch nicht, dass sich aus einer kulturellen Orientierung zuverlässig vorhersagen lässt, welche Versicherung jemand abschließt.

Wo liegen die Grenzen der Theorie?

Die kulturelle Risikotheorie ist ein wissenschaftlicher Erklärungsansatz und kein verbindliches Verfahren zur Berechnung von Versicherungsprämien. Ob Menschen eine Versicherung benötigen oder abschließen, hängt zusätzlich von ihrer finanziellen Situation, ihren Erfahrungen, den tatsächlichen Gefahren und den angebotenen Vertragsbedingungen ab.

Auch die wissenschaftliche Überprüfung der Theorie liefert kein einheitliches Bild. Untersuchungen zeigen zwar Zusammenhänge zwischen kulturellen Einstellungen und der Wahrnehmung bestimmter Risiken. Deren Stärke unterscheidet sich jedoch je nach untersuchter Gefahr und verwendeter Methode. Die vier Orientierungsmuster dürfen deshalb nicht als sichere Grundlage für die Beurteilung einzelner Versicherungsnehmer verstanden werden.

Was bedeutet das für Versicherungsnehmer?

Die Theorie macht deutlich, dass das persönliche Gefühl von Sicherheit nicht immer mit dem tatsächlichen finanziellen Risiko übereinstimmen muss. Manche Gefahren werden stark beachtet, während andere trotz möglicherweise erheblicher Folgen unterschätzt werden. Bei Versicherungsentscheidungen ist es deshalb sinnvoll, die eigene Risikowahrnehmung von der sachlichen Prüfung des Absicherungsbedarfs zu trennen.

Entscheidend sind insbesondere die möglichen finanziellen Folgen eines Schadens, vorhandene Rücklagen, gesetzliche Absicherungen und der konkrete Leistungsumfang einer Versicherung. Eine zusätzliche Police ist nicht allein deshalb sinnvoll, weil eine Gefahr als besonders bedrohlich empfunden wird.

Wichtig: Die kulturelle Risikotheorie erklärt, weshalb Menschen Risiken unterschiedlich bewerten können. Sie ersetzt weder eine individuelle Bedarfsermittlung noch eine Prüfung der tatsächlichen Versicherungsbedingungen.

Synonyme: Kulturelle Risikotheorien, Cultural Theory of Risk, Kulturtheorie des Risikos, Grid-Group-Modell